Der Cringe Mountain: Alena Scheffler über die Hürde, sich sichtbar zu machen

POSTED BY maxjan
4. November 2026

Es gibt einen Berg, vor dem fast jeder Hochzeitsdienstleister steht — und die wenigsten erklimmen ihn gern. Alena Scheffler, Online-Marketing-Expertin mit Spezialisierung auf die Hochzeitsbranche, hat ihm einen Namen gegeben: den Cringe Mountain. Gemeint ist der Moment, in dem man sich entscheidet, wirklich in die Sichtbarkeit zu gehen — nicht nur schöne Ergebnisse zu posten, sondern sich selbst zu zeigen: in die Kamera zu sprechen, die eigene Stimme zu hören, die man schrecklich findet, und das Ganze dann auch noch zu veröffentlichen.

Im Gespräch mit Candida für den Podcast Dirty Wedding Talk macht Alena keinen Hehl daraus, dass sich dieser Berg für alle gleich anfühlt — auch für sie selbst, nach Jahren im Geschäft. Es werde besser, man gewöhne sich daran, aber ganz verschwinde das Gefühl nie, weil es schlicht unnatürlich sei. Und doch führt kein Weg daran vorbei. Denn wer in dieser Branche nicht sichtbar wird, baut kein Vertrauen auf — und ohne Vertrauen keine Buchung.

Warum gerade diese Branche Sichtbarkeit verlangt

Die Hochzeitsbranche ist ein Sonderfall. Paare, sagt Alena, wollen wissen, wer hinter einer Dienstleistung steckt — mit wem sie ihren großen Tag erleben. Deshalb reicht es nicht, nur Ergebnisse zu zeigen. Schöne Bilder, fertige Brautsträuße, gelungene Shootings — das sei die kleinere Hürde. Die eigentliche beginnt dort, wo die Person selbst sichtbar wird.

Wichtig ist Alena dabei eine Unterscheidung, die dem gängigen Missverständnis widerspricht: Sichtbarkeit bedeutet nicht Lautsein. Es geht nicht darum, wie ein Marktschreier aufzutreten, sondern darum, immer wieder aufzutauchen — als Mensch, den man sympathisch findet, zu dem über die Zeit Vertrauen wächst. Es gebe immer Menschen, bei denen die Chemie nicht passe, und das sei auch gut so: So finde jeder seine Leute. Gerade in einer Zeit, in der künstliche Intelligenz es zunehmend schwer macht zu unterscheiden, was echt ist und was nicht, gewinnt das Menschliche an Gewicht. Wer etwas Echtes sieht, vertraut mehr.

Perfektionismus als Versteck

Hier liegt Alenas schärfster Gedanke — und er trifft einen wunden Punkt. Der häufigste Grund, warum Menschen nicht in die Sichtbarkeit gehen, ist nicht Faulheit, sondern ein Perfektionismus, der sich vernünftig anhört. Man wolle erst sichtbar werden, wenn alles andere perfekt sei: die Website überarbeitet, die Bilder erneuert, die Texte geschliffen. Das Problem, sagt Alena, ist nur: Es wird nie perfekt. Immer gibt es etwas, womit man nicht ganz zufrieden ist — und so geht die Zeit ins Land, bis plötzlich wieder April ist und die Saison beginnt.

Wer die Über-mich-Seite fünfmal überarbeitet, aber nie veröffentlicht, sagt Alena, wird von niemandem gesehen und von niemandem gebucht. Ihre Konsequenz ist unbequem und befreiend zugleich: lieber jetzt das Reel aufnehmen, in dem man gerade im Atelier steht oder einen Brautstrauß bindet, und es veröffentlichen — auch wenn es nicht perfekt ist. Denn genau das kann zu einer Buchung führen. Der Perfektionismus, so die kaum verhüllte Diagnose, ist nicht Ausdruck von Qualität, sondern eine Form der Vermeidung. Die schön klingende Ausrede, die das eigentliche Zögern kaschiert.

Das heißt nicht, dass die Basis unwichtig wäre. Im Gegenteil: Positionierung, Website, das Google-Unternehmensprofil — das Fundament muss stehen. Besonders die Positionierung ist für Alena der Anfang von allem, jener eine Satz auf der Website, der klar sagt, was jemand macht, wo und für wen, und der sich nicht beliebig kopieren lässt. Diesen Satz erarbeitet sie mit ihren Kunden über einen tiefen Prozess, in dem sie viel über die Person erfahren muss, auch Privates, bis sie das Gefühl hat, sie zu kennen. Aber die Basis zu perfektionieren und darüber das Sichtbarwerden aufzuschieben — das ist die Falle.

Von der Reichweite zur Buchung

Wenn der Schritt dann getan ist, stellt sich die praktische Frage: Was erzähle ich überhaupt? Hier liefert Alena eine klare Struktur — drei Ebenen des Contents, die erklären, warum so viele viel posten und trotzdem nicht gebucht werden.

Die erste Ebene ist Inspiration: das Ästhetische, die Wow-Momente, die fertigen Bilder, die emotionalen Augenblicke. Diese Inhalte holen Reichweite und ziehen Menschen an, die einen noch nicht kennen. Der häufigste Fehler, sagt Alena, ist, auf dieser Ebene steckenzubleiben — viel Reichweite, aber keine Anfragen. Denn ein Reel, das viral geht, heißt noch lange nicht, dass die richtigen Menschen es gesehen haben. Die zweite Ebene baut Vertrauen auf: Behind the Scenes, der Arbeitsprozess, das Wissen hinter dem Handwerk. Die Floristin, die erklärt, warum eine Blumensorte in diesem Monat besser hält; die Planerin, die zeigt, wie sie bei schlechtem Wetter eine Situation gerettet hat; der Fotograf, der verrät, welche Posen helfen, wenn ein Paar sich unsicher fühlt. Und die dritte Ebene führt schließlich zur Buchung — der Teil, den fast alle auslassen. Man dürfe, sagt Alena, ruhig sagen, dass man gebucht werden kann; subtil, über Erfahrungen, über einen Hinweis auf das Kontaktformular. Viele Menschen, so ihre Beobachtung, brauchen schlicht die Anleitung, den letzten Schritt zu gehen.

Es ist ein Gedanke, der sich durch das ganze Gespräch zieht: Was dem Profi offensichtlich erscheint, ist es für ein Paar, das zum ersten Mal heiratet, keineswegs. Man denke zu oft, das wisse doch ohnehin jeder — aber das stimme nur in der eigenen Bubble.

Den richtigen Menschen vor Augen

Bleibt die Frage, wie man die Hemmung überhaupt überwindet, in ein Handy zu sprechen, in dem scheinbar niemand zuhört. Alenas ehrlichste Antwort ist zugleich ihre persönlichste. Am Anfang, erzählt sie, habe sie beim Gedanken an die Kindergartenmutter oder die Tante, die ihre Stories sehen könnten, gezögert und jede Aufnahme neu gemacht. Ihre Lösung war radikal: Sie warf all diese Menschen — Freunde, Bekannte, Verwandte — aus ihrer Followerschaft. Die Zahl sank zunächst, aber die Hemmung verschwand.

An ihre Stelle trat ein einziges Bild: der eigene Wunschkunde. Statt sich vor dem zu fürchten, was Bekannte denken könnten, rät Alena, sich genau jene Braut, jenes Paar vorzustellen, das man wirklich erreichen will — am besten eines, das man schon einmal hatte und von dem man dachte, davon hätte ich gern mehr. Welche Fragen hatte es, welche Worte benutzte es, was wünschte es sich? Wer in die Kamera spricht, soll zu diesem Menschen sprechen, nicht zum stummen Publikum der eigenen Unsicherheit. Es ist, bezeichnenderweise, dieselbe Bewegung, die sie selbst vollzieht: Ihre Zielgruppe sind keine Brautpaare, sondern Dienstleister — und auch sie muss, wie sie offen sagt, immer wieder herausfinden, wo genau diese Menschen stehen und was sie hören wollen.

Perspektive

Das Gespräch zwischen Candida und Alena Scheffler handelt von Online-Marketing. Im Kern aber handelt es von einer sehr menschlichen Hürde — der Angst, sich zu zeigen — und davon, dass gerade diese Hürde in einer visuellen, überfüllten, zunehmend KI-geprägten Branche über den Erfolg entscheidet. Der Cringe Mountain ist nicht umgehbar; er ist der Preis für Vertrauen.

Daraus folgt eine entlastende Erkenntnis für jeden, der zögert: Es muss nicht perfekt sein, es muss echt sein. Der aufpolierte Feed mit vielen Followern ist oft ein Trugschluss, hinter dem wenig passiert; wer dagegen den Berg erklimmt, sich zeigt und die Menschen bis zur Buchung mitnimmt, ist am Ende häufig erfolgreicher. Was Alena Scheffler über Sichtbarkeit sagt, gilt weit über das Marketing hinaus: Persönlichkeit ist nicht austauschbar. Man kann zehn großartige Dienstleister haben — gebucht wird am Ende der eine, bei dem man sich vom ersten Moment an verstanden fühlt. Und dieses Gefühl entsteht nur, wenn jemand den Mut hatte, sich zu zeigen.

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Dirty wedding talk

Dirty Wedding Talk ist der Podcast für alle, die Hochzeiten nicht nur schönreden wollen. Echt, direkt und mit genug Brancheninsight, um zwischen Traumhochzeit, Tool-Chaos und Dienstleister-Drama endlich Klartext zu sprechen.