Keine Hochzeit wie die andere: Anne und Patrick Salber über Individualität als Haltung

POSTED BY maxjan
1. Juni 2026

Es gibt eine Frage, die in der Hochzeitsbranche fast reflexhaft gestellt wird: Was ist dieses Jahr der Trend? Anne und Patrick Salber von Designrausch beantworten sie im Gespräch mit Candida für den Podcast Dirty Wedding Talk auf eine Weise, die überrascht. Wie stark Trends ihre Arbeit beeinflussen? „Wenn ich ehrlich bin, würde ich fast sagen gar nicht.“

Das ist keine Koketterie, sondern Programm. Für ein Gewerk, das gern an Moodboards und Saisonfarben gemessen wird, ist es eine bemerkenswerte Ansage. Und sie führt ins Zentrum dessen, was die beiden von vielen anderen unterscheidet — und was zugleich erklärt, warum man bei ihnen kein Paar, sondern ein ganzes Konzept bucht.

Mehr als Deko

Zunächst eine Begriffsklärung, auf die Anne und Patrick Wert legen. Was sie tun, ist für sie nicht Dekoration. „Es ist einfach viel mehr als drei Vasen auf den Tisch zu stellen“, sagt Anne. Ihr Begriff dafür ist Event-Design: ein Design erlebbar machen, einen roten Faden durch den gesamten Tag ziehen. Das umfasst weit mehr als Farben und Blumen — es schließt die organisatorischen und logistischen Fragen ein, die niemand sieht. Wie groß ist der Tisch, wie viel Platz hat der Raum, was ist in der Location erlaubt, wann wird auf- und abgebaut.

Die Ambition dahinter ist hoch und zugleich unsichtbar. Im Idealfall, sagt Patrick, sehe man das Paar gar nicht: Man sei fertig, bevor das Brautpaar komme, und wieder verschwunden, bevor die Gäste eintreffen. Mindestens ein Umzug pro Wochenende, ein Team, das auch mal zu zehnt anrückt, ein enger Zeitslot, in dem nichts schiefgehen darf. Event-Design ist, so verstanden, eine Hochleistungsdisziplin, deren Ergebnis man bewundert, deren Prozess aber bewusst im Verborgenen bleibt. Aus Wünschen eine Form werden zu lassen — das ist, wie Anne es nennt, ihre Definition von Design.

Die Location als Leinwand

Wie aber bleibt eine Hochzeit individuell, wenn man dieselbe Location zum sechsten Mal bespielt? Es ist die entscheidende Frage an ein gutes Event-Design — und Patricks Antwort ist entwaffnend einfach: Zum Glück seien nicht alle Geschmäcker gleich. Anne ergänzt das mit einem Bild, das ihre Haltung trägt: Sie sehe jede Location als weiße Leinwand. Man arbeite selbstverständlich mit den Gegebenheiten vor Ort, aber das, was darauf entsteht, ergibt sich aus dem Paar — aus seinen Wünschen, kombiniert mit einem Wissen, das die Paare selbst nicht haben: dem Überblick über den eigenen Bestand und darüber, was darüber hinaus noch möglich ist.

Das Ergebnis ist ein bewusst gesetzter Anspruch. Für das kommende Jahr, sagt Anne, sei bereits absehbar, dass keine Hochzeit der anderen gleiche — nicht einmal in der Farbgebung. Das ist kein Zufall, sondern Selbstverpflichtung. Damit erklärt sich auch die Skepsis gegenüber Trends: Wer Individualität zum Maßstab macht, kann nicht zugleich einer Saisonmode hinterherlaufen. Trends fließen bei Designrausch allenfalls in den Einkauf ein — der Bestand muss zu dem passen, was gefragt ist. Doch ein Trend bestimmt nie den ganzen Look. Im Gegenteil: Ist alles weiß, sagt Patrick sinngemäß, wollen die Paare Farbe. Die Reaktion auf den Trend ist hier oft seine Umkehrung.

Diese Haltung verlangt eine ehrliche Vorarbeit. Wenn ein Paar mit zwanzig Pinterest-Bildern und drei verschiedenen Stilen kommt, besteht die erste Aufgabe darin, es an die Hand zu nehmen und herauszufinden, wer es eigentlich ist. Anne formuliert das Ziel klar: Die Paare sollen sich nicht verkleiden. Das Ambiente soll zu ihnen passen, nicht zu dem, was sie online gesehen haben. Kommt jemand mit einer Vorstellung, die erkennbar nicht zur eigenen Person passt — eine verspielte, bunte Inspiration bei einer nüchtern eingerichteten Wohnung im Hintergrund des Calls —, spricht Anne das offen an. Oft macht es dann beim Paar selbst Klick: Einen solchen Blumenstrauß, heißt es dann, würde ich mir zu Hause auch nicht hinstellen.

Zwei Pole, ein Konzept

Was diese Arbeit trägt, ist eine Konstellation, die Anne und Patrick selbst mit feinem Humor beschreiben: Sie führen das Unternehmen als Ehepaar. Gewachsen ist es organisch — aus einem zu klein gewordenen Keller über die Garage bis zur zweigeschossigen Halle, von der ersten Anschaffung der hölzernen „Love“-Buchstaben bis zum heutigen Event-Design. Der entscheidende Wandel kam, als die beiden erkannten: Der klassische Verleih „sind wir nicht“. Erst mit den eigenen Designkonzepten kam die Identifikation — und mit ihr die Struktur.

Dass zwei Menschen ein Unternehmen führen, die zugleich verheiratet sind und Eltern, beschreiben sie offen als Fluch und Segen zugleich. Die Flexibilität, gemeinsam Zeit und Erinnerungen zu schaffen, steht einem fehlenden Feierabend gegenüber — der Erkenntnis, dass man sonst einfach immer arbeitet. Und es treffen zwei Temperamente aufeinander: Anne, die für eine Idee sofort Feuer und Flamme ist und sie am liebsten morgen umgesetzt sähe; Patrick, der zurückhaltender abwägt, ob und wie sich etwas realisieren lässt.

Genau diese Polarität aber ist kein Hindernis, sondern das Erfolgsprinzip. Sie bildet im Inneren ab, was das Konzept nach außen leisten muss: die Verbindung von Kreation und Machbarkeit. Wenn ein Paar sich wünscht, bei der Trauung auf einer Wolke zu stehen, dann, sagt Patrick, überlege man gemeinsam, ob das geht — und falls nicht, gebe es immer eine Alternative. Die Idee und die Frage nach ihrer Umsetzbarkeit, der Enthusiasmus und das ruhige Abwägen: Bei Designrausch sitzen beide Pole am selben Tisch. Das ist die unsichtbare Voraussetzung dafür, dass am sichtbaren Ende ein stimmiges Ganzes steht.

Was niemand sieht

Bleibt der Teil, der wie bei so vielen Gewerken im Verborgenen liegt — und den Anne und Patrick ohne Groll, sondern als „Aufklärungsarbeit“ verstehen. Warum wirkt Dekoration für viele Paare teuer? Weil sie nur das Ergebnis sehen. Ein schön gedeckter Tisch bedeutet hunderte Einzelteile, die aus dem Regal geholt, ins Auto geräumt, gefahren, ausgeladen und vor Ort eingedeckt werden müssen — bei fünfzig Personen schnell fünfhundert Teile, und keine Tischdecke ist dabei gebügelt. Ein aufwendiger Aufbau in einem engen Zeitfenster summiert sich rasch zu hunderten Arbeitsstunden, weil man mit vielen Händen anrücken muss, damit es gelingt.

Deshalb sprechen die beiden im ersten Gespräch klar über Geld und arbeiten mit einer Pro-Kopf-Empfehlung — ein Mindestinvest, das die gewünschte Bildsprache überhaupt erst lebendig werden lässt. Pinterest, sagen sie, liefert wunderbare Bilder, an denen nur leider kein Preisschild hängt. Und doch entscheidet am Ende der eigene Anspruch: Lieber rückt man mit ein paar Leuten mehr an, wenn unterwegs klar wird, dass es sonst nicht reicht. Man habe, wie Patrick es nüchtern sagt, nur eine Chance.

Perspektive

Das Gespräch zwischen Candida und Anne und Patrick Salber handelt von Event-Design, von Logistik, von Budgets. Im Kern aber handelt es von einer Haltung, die quer zur Logik der Branche steht: Individualität nicht als Trend zu behandeln, dem man folgt, sondern als Prinzip, dem man verpflichtet ist. Keine Hochzeit wie die andere — das ist kein Marketingversprechen, sondern eine bewusste Absage an die Versuchung, das Bewährte einfach zu wiederholen.

Dass ausgerechnet ein Paar diese Haltung verkörpert, ist kein Zufall. Denn Individualität entsteht nicht aus einem Guss, sondern aus Reibung — aus dem Zusammenspiel von Idee und Machbarkeit, von Enthusiasmus und Abwägung. Was Anne und Patrick Salber über ihre Konzepte sagen, gilt so auch für ihre Zusammenarbeit: Das Schöne entsteht dort, wo zwei Pole sich zu einem stimmigen Ganzen fügen. Für Paare liegt darin eine entlastende Botschaft — sie müssen keinem Trend genügen, sondern nur sich selbst treu sein. Den roten Faden dafür zu finden, ist die eigentliche Kunst. Und sie beginnt nicht mit einem Bild, sondern mit einer Frage: Wer seid ihr eigentlich?

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Dirty wedding talk

Dirty Wedding Talk ist der Podcast für alle, die Hochzeiten nicht nur schönreden wollen. Echt, direkt und mit genug Brancheninsight, um zwischen Traumhochzeit, Tool-Chaos und Dienstleister-Drama endlich Klartext zu sprechen.